Sylt 2011
Intensiv-Seminar für Familienbegleiter
"Wie Begleitungen uns verändern und wie wir sie gestalten"
Ein Reisebericht
Von Berlin Hauptbahnhof nach Westerland auf Sylt! Am Donnerstag, Christi Himmelfahrt ging es gleich früh um 8.00 Uhr los.
Wir waren alle gespannt. Niemand von uns kannte das Rosemarie-Fuchs-Haus in List. Von schlichter Ausstattung war die Rede. Die Wettervorhersage sprach von kalten Winden bei wechselhafter Bewölkung, alle hatten Regenjacken dabei. Die Seminar-Teilnehmer kannten sich höchstens vom Sehen, die meisten gar nicht. Viele schliefen im Zug. Normale Alltags-Erschöpfung. Nur zwei Teilnehmerinnen hatten sich - unendlich - viel zu sagen, die beiden kannten sich schon lange.
Als wir ankamen war der Abholservice für´s Gepäck schon organisiert. So konnten wir
un-beschwert den Bus nach List entern. Die Spannung stieg mit jedem Kilometer....
Und dann standen wir auch schon vor dem Haus. Frau Gierke-Lubiens – die Hausdame - nahm uns freundlich in Empfang, zeigte uns die Räume und den Garten.
Das Haus war toll! Blitzschnell und diskussionslos waren die Zimmer verteilt. Strahlende Gesichter – jede/r hatte sein Traumzimmer bekommen! Unglaublich!
Jetzt ging´s richtig zur Sache. Nach einer überraschend witzigen Vorstellungsrunde, erklärte die Kunsttherapeutin die erste Aufgabe: Alle sollten sich drei Acryl-Farben auswählen und mit diesen innerhalb von je zwei Minuten sechs Bilder malen. Achtung – ausdrücklich wurden die TeilnehmerInnen darauf hingewiesen, nichts Gegenständliches zu Papier zu bringen. Da wurde nicht lange nachgedacht und beherzt zum Pinsel gegriffen. Die gemeinsame Auswertung brachte Erstaunliches zum Vorschein. Manche hatten sich beim Malen exakt an die Regeln gehalten, die Zeiten penibel eingehalten, die Farben klar nebeneinander gesetzt. Andere hatten die Farben gemischt und sich so zusätzliche Farbmöglichkeiten geschaffen, hatten alle Hilfsmittel ausgeschöpft, um den scheinbar eng gesteckten Rahmen zu erweitern.
Mit den Methoden aus der Kunsttherapie erhielten die TeilnehmerInnen immer wieder einen Spiegel, der ihnen ihre Verhaltensweisen in fremden Situationen be-greifbar machte. Manchmal wurde fast spielerisch aufgezeigt, wie sie Nähe und Distanz herstellen und auch auf welche Resourcen sie zurückgreifen, wenn die Familien Hilfe in beängstigenden Zeiten brauchen.
Jede Seminareinheit behandelte andere Aspekte des großen Handlungsrepertoires. Im Abschlussgespräch wurde noch einmal der Bogen geschlagen zwischen kreativem Gestalten im Rahmen des Seminars und den "gestaltbaren" Situationen innerhalb der Familienbegleitung..
Ja - und dann war der Abreisetag schon da. Bei Temperaturen um 28 °C packten wir nicht nur die Regenjacken wieder in die Reisetaschen sondern auch Blätter mit wunderbaren Farbgestaltungen, kleine Schätze vom Strand und sogar einige Heckenrosen-Ableger mit Wurzeln aus dem wunderschönen Garten am Haus.
Während der Zugrückfahrt ging es überaus lebendig zu: 10 Menschen haben sich während des Seminars darauf eingelassen, sich zu öffnen für unbekannte Methoden, für eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Kreativität und den (freiwilligen) Beschränkungen im Alltag. Sie haben sich den anderen TeilnehmerInnen "ungeschminkt" gezeigt und sich über Schwierigkeiten in der Begleitung ausgetauscht. Das verbindet. Diese vier Tage waren besonders. Alle waren begeistert und ließen die einzelnen Seminartage noch einmal Revue passieren.
Immer wieder sprachen die TeilnehmerInnen auch über die liebevoll gestalteten Zimmer im Haus und den gepflegten Garten, dass die Hausdame überall frische Blumen dekoriert und zum Empfang eigens einen Kuchen für die Gruppe gebacken hatte. Die Nähe zum Strand und die Weite des strahlend blauen Himmels auf Sylt trugen viel zur Begeisterung bei. Und natürlich das unglaublich leckere Essen! Da die meisten TeilnehmerInnen berufstätig sind und ihr Ehrenamt bei der Stiftung zusätzlich ausüben, waren alle glücklich über die liebevolle Versorgung, die ihnen zuteil wurde. Es gab also vieles zu besprechen, bis wir schließlich in Berlin ankamen.
Vor 4 Tagen noch als fast Fremde gestartet, kamen wir als Gruppe zurück!
Ganz entscheidend zu diesem Prozess beigetragen hat die Kunsttherapeutin, die für den inhaltlichen Ablauf des Seminars verantwortlich zeichnete und die TeilnehmerInnen sensibel durch die Tage geleitete.
Ohne die großzügige Spende von einer Familienbegleiterin wäre diese Seminar-Reise allerdings gar nicht realisierbar gewesen. Herzlichen Dank!
Auch bei der Personalabteilung der Deutschen Bahn, die den Gruppenfahrschein sponserte, möchten wir uns bedanken.
Also eine rundum gelungene Seminar-Reise und ein echtes Intensiv-Erlebnis!
Sylvia Vogel
Koordinatorin im ambulanten Kinderhospiz
"Beziehungen bewegen" - Wie Begleitungen uns verändern und wie wir sie gestalten
Familienbegleiterseminar auf Sylt vom 02.06.-05.06.2011
Seminarleiter: Katja Büttner, Sylvia Vogel
Diese Reise sollte uns nicht nur auf eine Insel mit überrachenden Ausblicken, sondern auch in unsere innere Landschaft mit z.T. erstaunlichen Einsichten führen.
An unseren 4 Seminartagen wurde mittels des kreativen Gestaltens ein ungewohnter Blick auf das Erleben von Begleitungen und die Verknüpfung mit ganz eigenen Persönlichkeitsstrukturen geworfen. Wie verhalten wir uns in bestimmten Situationen, worauf greifen wir zurück, was ist uns fremd, wie reagieren wir auf irritierend- befremdliche Situationen und Kontakte?
Auch die Fragen, wann wir unsere Ressourcen wie einsetzen und was wir für Kontaktgestaltungen benötigen, leiteten uns durch die kommenden Tage.
10 Teilnehmer hatten sich nun zu dieser Fahrt und zur Erkundung dieser Fragestellungen bereit erklärt.
Wir fanden uns am ersten Tage gegen frühen Nachmittag in List ein.
Nachdem das Wohnhaus und der große Garten begutachtet, Zimmer belegt sowie die nähere Umgebung erkundet waren, starteten wir abends mit unserer ersten Seminareinheit.
Im ersten Seminarabschnitt wagten alle den Einstieg ins fremde Metier: nicht ins gegenständliche Gestalten, sondern den spontanen Ausdruck versuchend hatten die Teilnehmer die Möglichkeit, sich als Assistent und Akteur zu erleben und sich anschließend als Übungspaar über die Wahrnehmungen auszustauschen.
Mit der klaren wie knappen Regel, sich drei Farben, drei Pinsel und sechs Blätter zu wählen, war es einem jeden nun selbst überlassen, innerhalb von 2 Minuten pro Blatt dieses in irgendeiner Form zu füllen. Erstaunt nahmen im Anschluss alle wahr, was sich aus diesen groben Rahmenbedingungen dann an individuellen Bildverläufen entwickelt hatte. So war die Handschrift eines jeden in der Pinselführung und Anordnung der Bildelemente ersichtlich.
Am kommenden Tage ging es nach indivuell verbrachter Morgenzeit und dem gemeinsamen Frühstück weiter mit dem nächsten Seminarblock.
Das Thema der Wahrnehmung und des eigenen Vertrauens begleitete uns heute durch den Tag.
So widmeten wir uns in einer kleinen Wahrnehmungsübung nicht nur äußeren Bildern und Motiven der Umgebung, sondern im Anschluss daran den inneren Bildwelten.
Die verinnerlichten Landschaften und Strukturen wurden in einer Phantasiereise aufgespürt und in einer Gestaltung festgehalten, die z.T. Erstaunliches zu Tage förderte.
Der zweite Teil des Seminartages galt dem Umgang mit dem Eigenen und dem Fremden.
Dazu musste man sich von einem seiner "2-Minuten-Bilder" trennen, dieses zerteilen und suchte sich anschließend aus den entstandenen vielen einzelnen Gestaltungsstücken zwei heraus. Diese galt es nun in einer neuen Komposition miteinander zu verbinden. Dabei stellten sich verschiedenste Fragen und Herausforderungen: Welchen eigenen Teil bin ich bereit herzugeben und den anderen zur Verfügung zu stellen? Wie geht es einem jeden, seinen Anteil in neuem Sinnzusammenhang gewandet zu erleben? Auch hier fand im anschließenden Gespräch ein Abgleich zwischen der Eigen- und Fremdwahrnehmung statt.
Der dritte Tag begann mit der ganz individuellen Erkundung der Insel.
Am Nachmittag zusammenkommend fand die Reise ins innere Ich gestalterisch ein vorläufiges Ende. Nachdem sich jeder in der Erstellung und "Durchwanderung" eines Labyrinthes übte, bestand für die gesamte Gruppe die Aufgabe, sich gemeinsam ein begehbares herzustellen, vorzugsweise mit den in den Tagen gefundenen Naturmaterialien.
Beim Begehen des Labyrinthes wurde erst körperlich spürbar, dass Vertrauen gefordert war, wenn es darum ging, denn verschlungenen Wegen in die Mitte zu folgen. So gab es z.T. Irritationen, wenn die Mitte so nah war, einen die nächste Wegbiegung doch aber wieder von ihr zu entfernen schien.
Trotz Wendungen fand ein jeder in das Labyrinth hinein und auf selbigen Wege eben auch wieder heraus.
Am Abreisetag stand nun innerliches wie äußerliches Aufräumen und Sortieren an.
Den Rückweg antretend nahmen wir die gewonnenen Erfahrungen, Ein- und Ausblicke mit uns.
Katja Büttner
